• Mittendrin, statt nur vorbei

    Tempo 30 innerorts ist in aller Munde, aber noch nicht auf aller Straße. Die Stadt Neuss

Ein Tanz, aus dem Tempo herausgenommen wird, büßt nicht unbedingt seinen Charme ein. Es führt eher dazu, dass der Tanz auch bewusster und intensiver wahrgenommen wird. Gleichzeitig schließt eine ruhige Tanzweise keine Personen aus, die mit einem schnellen Tanz nicht Schritt halten können.

Im Verkehr ist es ähnlich: Wenn motorisierte Verkehrsteilnehmende einen Gang runterschalten und sich nicht mehr mit Tempo 50 oder 40, sondern mit Tempo 30 bewegen, verlieren sie keinerlei Mobilität. Sie kommen lediglich anderthalb Minuten (bei früher Tempo 50) bzw. sogar nur eine halbe Minute (bei früher Tempo 40) später an. Stattdessen gewinnen sie aber eine wertvolle Vielfalt an Reizen dazu: Sie nehmen die Umgebung besser wahr, eröffnen der echten Begegnung unter allen Verkehrsteilnehmenden neue Möglichkeiten und tragen dazu bei, das Nichtmotorisierte sich wohler und sicherer fühlen können. Vor allem Personen und Gruppen, die mit einem hohen Tanztempo nicht mithalten könnten, etwa Menschen mit Gepäck, mit Kinderwagen, aber auch Kinder und mobilitätseingeschränkte Menschen, finden wieder stärker Anschluss. Und ganz nebenbei verringert ein niedrigeres Tempo nicht nur das Unfallrisiko, weil Reaktionen jetzt nicht mehr übermenschlich schnell sein müssen, sondern vor allem auch die Schwere der Verletzungen.

Damit auch die Kleinsten hüpfen und tanzen

Bislang sperrt sich das Straßenverkehrsrecht gegen allzu großzügige Senkungen der erlaubten Geschwindigkeiten, vor allem an Hauptstraßen. Eine solche Anordnung von Tempo 30 soll die Ausnahme bleiben — grundsätzlich gilt in Deutschland innerorts Tempo 50 — und muss gut begründet werden: Die Anordnung darf nur für einen bestimmten, möglichst kurzen Abschnitt der Straße gelten. Der muss außerdem mindestens eine besonders schützenswerte Einrichtung aufweisen, also beispielsweise eine Schule, einen Kindergarten, ein Seniorenheim o.ä., »soweit die Einrichtungen über einen direkten Zugang zur Straße verfügen« (mehr Infos beim Verkehrsclub Deutschland). Je nach Bundesland können auch Lärmschutz oder Luftreinhaltung zu den wichtigen Gründen zählen.

Durch den Neubau einer Kindertagesstätte kann auch der entsprechende Straßenabschnitt in der Weckhovener Straße nun als schützenswert gelten. Tanzende Paare wiesen dort auf das jetzt gültige Tempo 30 hin und erläuterten Vorteile der neuen Regelung. Aktuell diskutieren die zuständigen Gremien der Stadt Neuss die Anordnung von Tempo 30 auf mehreren weiteren Straßenabschnitten.

Die Zeit ist reif

Das Umweltbundesamt hat die Wirkung von Tempo 30 untersucht und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: »Nach jetziger Erkenntnislage haben die bestehenden Tempo-30-Regelungen an Hauptverkehrsstraßen überwiegend positive Wirkungen. Den vorliegenden Begleituntersuchungen zufolge, gibt es in den meisten Fällen Gewinne bei Verkehrssicherheit, Lärm- und Luftschadstoffminderung und bei den Aufenthaltsqualitäten — gleichzeitig wird die Auto-Mobilität nicht übermäßig eingeschränkt.« Kein Wunder, dass eine Städteinitiative zu Tempo 30, der auch mehrere Städte aus Nordrhein-Westfalen angehören, nun Druck macht. Die Bundespolitik reagiert schon: Jüngst erklärte Bundesverkehrsminister Wissing, er könne sich eine Vereinfachung für die Anordnung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen vorstellen. »Die Kommunen vor Ort wissen am besten, was für ihre Bewohner gut ist. Deshalb bin ich offen für unterschiedliche Lösungsansätze und Experimentierfelder.«

Ganz nebenbei: Laut den Daten von ›Mobilität in Deutschland‹ legt jeder Pkw im bundesweiten Schnitt täglich rund 20,5 Kilometer zurück (Tabelle A11.2) und ist dabei ca. 77,5 Minuten, umgerechnet also 1,29 Stunden, unterwegs (Tabelle A12.2) . Das ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,89 km/h — noch ein Grund mehr, innerorts auf Tempo 30 zu reduzieren.