• Komplimente statt Karacho

    Verkehrsberuhigte Bereiche glänzen mit besonders hoher Lebensqualität. Allerdings nur, solange niemand den Verweilenden auf den Füßen herumtrampelt.

Der niederländische Architekt Jan Gehl antwortete auf die Frage, woran die Lebensqualität einer Stadt sich erkennen lasse, einmal: »Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert.« Das deutsche Straßenverkehrsrecht kennt wohl keine zweite Regelung, die Verkehrs- und Aufenthaltsfunktion so gut miteinander verknüpft wie der verkehrsberuhigte Bereich — und dabei gleichzeitig kein Verkehrsmittel ausschließt. Auch die deutsche Rechtssprechung sieht in der Verkehrsberuhigung einen hohen Wert, dessen Herstellung sogar Straßenbaubeiträge rechtfertigen würde (vgl. Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein, Urt. v. 24.10.1996, Az.: 2 L 339/95). Die in der Straßenverkehrsordnung festgelegten Regeln geben Aufschluss darüber, woraus die Qualität entsteht: »Wer zu Fuß geht, darf die Straße in ihrer ganzen Breite benutzen; Kinderspiele sind überall erlaubt.« Eine Straßenform ganz im Sinne Jan Gehls.

Ballett der Straße

Die US-amerikanische Soziologin Jane Jacobs sprach schon in den 1960er Jahren vom ›Ballett der Straße‹ und meinte damit »das ›echte Leben‹, das sich auf ihren Straßen abspielte, die durch räumliche Nähe unumgängliche Interaktion von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Klasse.« Einander grüßen, zulächeln, Komplimente machen, stehenbleiben, ein Gespräch beginnen — das gelingt unter den Bedingungen der Schrittgeschwindigkeit besonders gut. Es sei denn, da braust jemand mit Karacho entlang und zwingt die Verweilenden, sich selbst mit einem finalen Rettungssprung in Sicherheit zu katapultieren.

Das stört wegen der Geräusche nicht nur die Anwohner*innen, sondern bringt auch die übrigen Verkehrsteilnehmer*innen in ernste Gefahr. Denn höhere Geschwindigkeiten steigern das Verletzungs- und Todesrisiko exponentiell: Ein Pkw mit Tempo 10 km/h beispielsweise verfügt nur über ein Viertel der Wucht eines Pkw mit Tempo 20 km/h, bei gleicher Masse. Respekt rettet also Leben und Miteinander im Straßenverkehr hat weniger mit Romantik als viel mehr mit Physik zu tun.

Rhythmus statt Tempo

Der Tanz der Straße lebt vom Rhythmus, nicht vom Tempo. Wer mit Karacho durch einen verkehrsberuhigten Bereich bügelt, bringt nicht nur die Tanzenden gehörig aus dem Takt. Er tut auch sich selbst keinen echten Gefallen: Sogar mit 10 km/h mehr auf dem Tacho kommen Eilige auf fünfhundert Metern verkehrsberuhigtem Bereich nur anderthalb Minuten früher an — ein Zeitvorsprung, der Leben kosten kann und an den nächsten Kreuzungen ohnehin wieder verloren geht.

Die Verkehrsberuhigung eignet sich wie keine zweite Straßenform, die ›Schrittgeschwindigkeit‹ wörtlich zu nehmen und dem gemeinsamen Rhythmus zu folgen — zum Vorteil aller. Dass das schon heute überwiegend funktioniert, liegt an den vielen Menschen, die sich bereits heute daran halten. Ihnen gilt ein besonderer Dank der Stadt Neuss.