• Die Straße als Erlebniswelt

    Das Gesicht der Straße als solche wird sich verändern. Denn moderne und zukünftige Fortbewegungsmöglichkeiten machen sie viel stärker als heute zu einer Erlebniswelt für alle.

»Die Mobilität des zwanzigsten Jahrhunderts hat den motorisierten Transport in den Vordergrund gestellt und das Erlebnis nur für eine kleine Gruppe Privilegierter reserviert«, so Bürgermeister Reiner Breuer. »Wir möchten vom ›rollenden Wohnzimmer‹ jetzt zurück zum ›Wohnzimmer Straße‹«. Der Beigeordnete Christoph Hölters stimmt zu: »Mehr als je zuvor hat eine lebenswerte Stadt die Aufgabe, Mobilitäts-, aber eben auch Aufenthaltserlebnisse zu ermöglichen statt zu verhindern.« Breuer ergänzt: »Die Diskussion über Mobilität aktiviert in Deutschland bislang nur den Kopf. Wir möchten als erste Stadt zeigen, wie gut es unserem ganzen Körper tut, wenn er genug Platz bekommt, um sich zu bewegen — und zwar selbstständig, nicht passiv in einem Autositz.«

Durch Kinderaugen sehen

Wir kurz die Straße als Bewegungs- und Erlebnisraum für alle derzeit kommt, zeigt ein Experiment aus der Schweiz: Der Erziehungswissenschaftler Marco Hüttenmoser ließ dort Kinder ihren Schulweg malen. Das Ergebnis: Kinder, die regelmäßig im Auto zur Schule gebracht werden, malten triste und an Elementen arme Bilder, wohingegen zufußgehende oder radelnde Kinder eine bunte und reiche Straßenwelt darstellten.

Weil die Verkehrspolitik die Straße bislang gerne auf eine große Fahrbahn mit kleinem Seitenraum reduziert, gilt es, den Trend umzukehren und sie als angenehmes Biotop für alle Bewegungsformen herauszuputzen. Diese Botschaft stellt die Neusser Kampagne ›Tanz der Straße‹ in ihrer zweiten Phase in den Mittelpunkt, und zwar indem sie nun reale, tanzende Menschen aufbietet. Die beleben die Straße ungemein, brauche für ihre Beweglichkeit aber ausreichend Platz. Genauso benötigen neben dem Kraftfahrzeugverkehr alle anderen Nutzungsformen der Straße — radfahren, zufußgehen, sitzen, flanieren, Schaufenster bummeln, Eis essen, Restaurant besuchen, Natur beobachten — eben auch angemessene Flächen.

Voneinander profitieren

Steht dafür genug Platz zur Verfügung, reduziert sich schnell der Frust, der Kraftverkehr versklave kompromisslos alle anderen Bewegungs- und Straßennutzungsformen, die darunter permanent zu leiden haben. Entspannung stellt sich ein, Straßen werden plötzlich wieder erlebbar und blühen auf. Das dient dann nicht nur dem lokalen Einzelhandel, sondern übrigens wiederum auch dem Verkehr selbst. Eine Studie fand schon vor längerer Zeit heraus, dass Menschen für ihre selbstaktive Bewegung — also das Zufußgehen oder das Radfahren — bis zu 70 Prozent längere Wege in Kauf nehmen: wenn sie denn durch eine schöne Umgebung führen.